wisdoms.cards
Wissen ist jeden Tag etwas zu lernen.
Weisheit bedeutet, jeden Tag etwas loszulassen
Knowledge is learning something every day.
Wisdom is letting go of something every day.
wisdoms.cards ist meine dynamische Internetseite – sie wird ständig aktualisiert
Die Entdeckung der inneren Weite:
Eine Expedition
mit
meinem wachen Selbst
Ich stehe an der Schwelle eines Pfades, der heute nicht aus Kies und Erde besteht, sondern aus den feinen Schichten meines eigenen Bewusstseins. Es ist kühl hier draußen, ein leichter Wind streift meine Wangen, und ich spüre eine wohlige Wärme an meiner rechten Hand. Dort ist Lio. Er ist klein, vielleicht sechs Jahre alt, trägt einen etwas zu groß geratenen Hut und hat Augen, die so hell und klar sind, dass ich mich frage, wann ich diesen Blick für die Welt eigentlich verloren habe. Lio ist kein Fremder; er ist der Teil von mir, der noch staunen kann, der noch weiß, wie sich Gras zwischen den Zehen anfühlt, bevor man lernt, es als „Rasenfläche“ zu bezeichnen. Er strahlt eine Sicherheit aus, die mich tief berührt. In meiner Nähe fühlt er sich geborgen, und seine Unbekümmertheit gibt wiederum mir den Mut, den ersten Schritt zu wagen.

Wir gehen los. Schon nach wenigen Metern bemerke ich, wie sich der Weg verändert. Ein feiner, silbriger Nebel kriecht aus dem Boden und hüllt alles ein. Ich sehe meine eigenen Hände kaum noch vor Augen. Sofort meldet sich mein Verstand: Wo geht es lang? Ist das gefährlich? Ich spüre eine leichte Verwirrung, eine Unsicherheit, die mir den Atem etwas flacher werden lässt.

Doch dann spüre ich Lio. Er bleibt stehen, schaut in den Nebel und lacht leise. Er fängt an, mit seinen kleinen Fingern in der weißen Wand zu rühren, als wären es Zuckerwatte-Fäden. Sein Handeln erinnert mich: Ich muss nicht alles wissen. Die Unwissenheit ist kein Hindernis, sie ist nur eine Wetterlage. Ich atme tief ein, akzeptiere den Nebel als das, was er ist, und in diesem Moment der Annahme wird die Suppe vor mir lichter. Ein Strahl Klarheit bricht durch. Ich erkenne, dass die Erkenntnis des Nebels bereits der erste Schritt zu seiner Auflösung ist. Wir gehen weiter, Hand in Hand.
Plötzlich ragt vor uns eine Mauer auf. Sie ist hoch, aus dunklem, rauem Stein gefügt und strahlt eine Kälte aus, die mir bis in die Knochen fährt. Ich fühle eine instinktive Abneigung. Das ist ein Hindernis, das mich stoppen will. Ich spüre, wie sich mein Kiefer anspannt – Widerstand regt sich in mir. Hass ist ein hartes Wort, aber die Kälte dieser Mauer kommt ihm nah. Ich will dagegen schlagen, ich will sie wegdiskutieren. Lio lässt meine Hand los. Er geht ganz nah an den kalten Stein heran und legt sein Ohr dagegen. „Hör mal“, flüstert er, „der Stein friert auch.“ Sein Mitgefühl trifft mich völlig unvorbereitet. Er weckt in mir eine alte Erinnerung an einen Wintertag meiner Kindheit, als ich ein verfrorenes Vögelchen in meinen Händen hielt. Diese Wärme von damals steigt nun in meinem Herzen auf. Ich lege meine Hand ebenfalls auf die Mauer, aber nicht um zu kämpfen, sondern um diese innere Wärme zu teilen. Die Mauer verschwindet nicht sofort, aber sie verliert ihre Macht. Sie ist nicht mehr mein Feind, sie ist nur noch kalter Stein, an dem wir einfach vorbeigehen können. Die Liebe, die der kleine Lio in mir wachgeküsst hat, macht den Weg frei.

Der Weg beginnt nun anzusteigen. Es wird steiler, und ich merke, wie sich in mir ein alter Ehrgeiz regt. Ich will oben sein. Ich will derjenige sein, der den besten Ausblick genießt, der am schnellsten wandert. Ich richte meinen Rücken kerzengerade auf, mein Blick wird starr und fixiert auf den Gipfel. Ein Gefühl von Stolz macht mich groß, aber es macht mich auch einsam. Ich fühle mich getrennt von Lio, getrennt von den Bäumen am Rand.

Ich bin „drüber“. Lio stolpert über eine Wurzel und setzt sich einfach auf den Boden. Er fängt an, die Käfer im Moos zu beobachten. „Komm mal runter“, scheint sein Blick zu sagen. Ich atme aus und lasse die Anspannung in den Schultern los. Ich setze mich zu ihm. Der Stolz verpufft in dem Moment, in dem ich meine Handflächen auf die kühle, feuchte Erde lege. Demut ist kein Kleinmachen, es ist das Wiederfinden des Kontakts zum Boden. Ich bin nicht besser als der Käfer oder das Moos.

Ich bin ein Teil davon. Diese Erdung schenkt mir eine Größe, die der Stolz niemals erreichen könnte. Wir sitzen einen Moment einfach nur da und sind Teil des Ganzen.
Als wir wieder aufstehen, glitzert in der Ferne etwas auf einem Hügel. Es sieht aus wie Gold oder flüssiges Licht.
Sofort spüre ich ein Ziehen in meiner Magengegend. Ich will das haben. Es muss meins sein. Diese Begierde macht mich unruhig, sie flüstert mir zu, dass mir etwas fehlt, solange ich dieses ferne Leuchten nicht besitze. Ich werde hastig. Lio greift in seine Tasche und zieht einen völlig gewöhnlichen, glatten Kieselstein heraus. Er hält ihn mir hin, als wäre es der größte Schatz der Welt. „Guck mal, wie der glänzt, wenn ich ihn nass mache“, sagt er. Ich schaue den Kiesel an, schaue in Lios zufriedenes Gesicht und verstehe. Der Mangel existiert nur in meinem Kopf. Ich atme die Fülle dieses Augenblicks ein. Ich habe Lios Lachen, ich habe die Luft in meinen Lungen, ich habe diesen Stein in meiner Hand. Alles, was ich für mein Glück brauche, ist bereits hier. Die Begierde nach dem fernen Leuchten schmilzt einfach dahin.

Ein paar Schritte weiter begegnen wir anderen Wanderern. Einer von ihnen trägt eine prachtvolle Ausrüstung, er wirkt so leichtfüßig und perfekt. Ein kurzer Stich fährt mir durch die Brust. Warum ist er so mühelos unterwegs? Warum habe ich es schwerer? Eifersucht ist ein kleiner, giftiger Dorn.
Lio schaut den Mann an und winkt ihm mit beiden Händen begeistert zu. „Toll, wie der hüpfen kann!“, ruft er ohne jede Spur von Neid. Sein Mitgefühl und seine Freude für den anderen sind so ansteckend, dass der Dorn in meiner Brust sich auflöst. Wenn ich mich mitfreue, gehört ein Teil seiner Freude auch mir. Mein Glück wird nicht weniger, wenn andere glücklich sind. Im Gegenteil, es vervielfacht sich. Wir lächeln dem Fremden nach und spüren, wie unsere eigene Kraft dadurch wächst.

Plötzlich verdunkelt sich der Himmel dramatisch. Ein Sturm zieht innerhalb von Sekunden auf. Blitze zucken, der Donner grollt so laut, dass der Boden bebt. In mir bricht Panik aus. Mein Verstand schreit: „Lauf weg! Versteck dich! Das halten wir nicht aus!“ Mein ganzer Körper zittert. Ich will gegen den Wind ankämpfen, ich will den Sturm kontrollieren. Aber Lio zieht mich sanft am Ärmel zu einer kleinen, geschützten Felsnische. Er setzt sich mit dem Rücken zum Wind, zieht die Beine an und bedeutet mir, mich neben ihn zu kuscheln.
Er hat keine Angst, er wartet einfach ab. Ich verstehe: Gelassenheit bedeutet nicht, dass kein Sturm da ist. Es bedeutet, dass man sich nicht vom Sturm mitreißen lässt. Wir sitzen ganz eng beieinander, ich halte Lio fest im Arm, spüre seine Geborgenheit und warte, bis die erste Welle der Angst vorbeizieht. Der Sturm tobt draußen, aber in unserer Nische herrscht eine tiefe, stille Ruhe.

Nachdem der Regen nachgelassen hat, fühle ich mich noch etwas wackelig. Mein Kopf rattert schon wieder: Was müssen wir jetzt tun? Wo ist die nächste Station? Ich spüre einen enormen Handlungszwang.
Lio schaut mich an und sagt: „Du machst gerade Pläne-Gesichter.“ Ich stutze. Er hat recht. Ich gebe diesem Gefühl ein Label: „Das ist Planen.“ Und dem anderen: „Das ist Sorge.“ In dem Moment, in dem ich die Gefühle etikettiere, verlieren sie ihren Drang. Sie sind nur noch Worte in meinem Kopf. Ich spüre wieder den festen Boden unter meinen Füßen. Ich atme ein, spüre die Verbindung zur Erde und merke, wie die Erdung mir den nötigen Halt gibt, um einfach nur hier zu sein, ohne sofort etwas tun zu müssen.

Schließlich erreichen wir das Ufer eines großen, stillen Sees. Das Wasser ist so glatt wie ein Spiegel. Wir setzen uns an das Ufer. In meinem Geist beginnt nun ein seltsames Schauspiel.

Gedanken tauchen auf wie Figuren auf einer Bühne – manche sind lächerlich, manche grotesk, manche traurig. Früher hätte ich versucht, die traurigen zu vertreiben und die lustigen festzuhalten. Doch jetzt bin ich nur der Zuschauer. Lio amüsiert sich köstlich über einen Gedanken, der aussieht wie ein tanzendes Nilpferd in einem Ballettröckchen. Er stupst mich an und lacht. Ich lache mit. Ich muss nichts tun, ich muss den Film nicht schneiden oder bewerten. Ich genieße einfach die Absurdität meines eigenen Verstandes. Die Neugier lässt selbst die seltsamsten Gedanken zu einer interessanten Erfahrung werden.
Ich sitze da, spüre Lios kleinen Kopf an meiner Schulter und genieße diese tiefe, unerschütterliche Ruhe. Ich bin sicher. Ich bin der Beobachter. Ich bin weit geworden. Die Expedition hat mich nicht woanders hingeführt, sondern genau hierher, in die Mitte meines Seins. Ich atme tief ein, spüre meinen Körper, das Leben in mir und die Stille um mich herum. Lio schließt die Augen und lächelt. Ich tue es ihm gleich. Wir sind angekommen.
„Man kann einem Menschen nichts beibringen, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“
— Galileo Galilei